4. Augsburger Dramatikerpreis

Preisverleihung | Samstag, 31. Mai 2014 - 19:30 | Theaterstück

Spielort: Theater

am 31. Mai 2014 fand das
Finale des Augsburger Dramatikerpreises statt:

+ Jedes des drei nominierten Stücke wurde durch eine LAUDATIO, eine LESUNG und ein INTERVIEW kurz vorgestellt.

+ Das Publikum entschied sich mit knappen Vorsprung für Alexander Rupflin vor Maja Das Gupta vor Samuel Langer

Der Preis war insgesamt mit 4000,- Euro dotiert und wurde vom Sensemble Theater Augsburg (Theaterleitung Dr. Sebastian Seidel) ausgeschrieben.

In Kooperation mit dem Büro für Frieden und Interkultur der Stadt Augsburg, unterstützt vom Bezirk Schwaben.

Das Finale erfolgte in Kooperation mit dem Stadttheater Augsburg.

Die drei Finalteilnehmer:

Alexander Rupflin, DIE MUTTER
Das böse „Kammerspiel“ steckt voller Abgründe, die nach rasanten Wendungen allmählich zum Vorschein kommen. Es wird immer abstruser, was die chinesische Mutter ihrem deutschen Sohn und ihrem Nachbarn erzählt, und gleichzeitig immer nachvollziehbarer. Aber man kann sich nie sicher sein, was genau in der Vergangenheit passiert ist.

Laudatio: Oliver Brunner
Alexander Rupflin ist eine Entdeckung! DIE MUTTER ist die Geschichte der Chinesin mit deutscher Einbürgerungsurkunde an der Wand, auf der Suche nach ihrer Kultur, ihrer Identität, der Sehnsucht nach einem geliebten Gegenüber, nach Nähe, nach Familie, wohnhaft in einer käfigartigen Behausung irgendwo in einer bayerischen Provinz, ausgestattet in skandinavischem Minimaldesign, inklusive Chinavase made in germany, lost in paradies, konfrontiert mit der Flucht des Sohnes vor der eigenen grausam verletzenden Mutterliebe und dem Nachbarn, der Spiegel des eigenen Schicksals, die eingeholte Vergangenheit oder der Aufdeckung aller (Lebens-)lügen? Alexander Rupflins Antrieb ist es, eine ganze Welt zu schaffen, die großes Vergnügen macht, sich in ihr auf Entdeckungsreise zu begeben. Aber so wie die Lebens- und Beziehungsgeschichte der Chinesin vielleicht doch nur eine Sicherheit vorgaukelnde Lüge ist, so verläuft die Reise des Lesers: Sicherheiten und Einschätzungen erweisen sich als Irrwege, oft bieten sich Alternativen an. Das Stück ist voller Überraschungen, Impulse, Haltungsänderungen, Temperatur- und Rhythmuswechsel. Ein Krimi! Das Geheimnis der Identität der Mutter wird nie komplett zu enträtseln sein. Rupflins Stärke ist eine Sprache, die die Sehnsucht der Figuren, ihren Antrieb zum Verhalten und Handeln, letztendlich das persönliche Dilemma klar offenlegt. Keine künstlichen Überhöhungen, sondern Direktheit zeichnet sie aus. Sie ermöglicht ein hohes Tempo und Spielfreude, was in einer szenischen Umsetzung zu überprüfen wäre. Die Jury hat die 50 eingereichten Dramen anonymisiert gelesen. Dass wir einen Augsburger Nachwuchsautoren unter den besten drei entdecken konnten, freut uns außerordentlich. Nach 30 - 40 Kurzgeschichten und drei Romanen, die Alexander Rupflin schon in seinen jungen Jahren verfasst hat, die erste mit gerade 16 Jahren, gilt es nun mit DIE MUTTER den Dramatiker Rupflin zu entdecken. Potential und Ideen hat dieser Autor auf jeden Fall genug!

Maja Das Gupta, MICHELS STEIN
Im Stück treffen eine deutsche und eine türkische Mutter aufeinander, nachdem es zwischen den Kindern zu einem tragischen Vorfall kam. Gängige, deutsch-türkische Klischees werden absichtlich ausgestellt, um sie durch temporeiche Dialoge und Sarkasmus wieder zu brechen und mit bissigem Witz zur Diskussion zu stellen.

Laudatio: Fatima Abdollahyan
"Politische Korrektheit" soll ein notwendiges Werkzeug sein, um in einer immer heterogener werdenden Gesellschaft, ja Welt, bestehen zu können, nicht anzuecken, den Frieden zu wahren. Wenn es aber um das Existentielle, um die schiere Existenz geht, dann kann dieses Werkzeug sein Wesen verändern und zum Folterinstrument mutieren. In dem Stück „Michels Stein“ der Autorin Maja Das Gupta, geht es um die schierer Existenz zweier Mütter: Die eine Türkin, die um das Leben ihrer Tochter bangen muss, die andere Mutter Deutsche, die um die Freiheit ihres Sohnes bangen muss - diese beiden Frauen befinden sich durch eine Laune des Schicksals - den Stein, den Michel, der Sohn der Deutschen, geworfen hat - in einer Extremsituation. Sie sind schicksalhaft miteinander verbunden und müssen miteinander umgehen. In diesem krisen- wenn nicht bisweilen kriegsähnlichen Zustand, den Das Gupta atmosphärisch dicht herzustellen vermag, kommen die zwei vermeintlich so unterschiedlichen Frauen mit ihrer „sozialen Rücksichtnahme“ an ihre Grenzen. Sie lassen die Maske der politischen Korrektheit fallen. Vielmehr bewaffnen sich nun mit Vorurteilen und Klischees gegenüber der jeweils anderen Kultur. Sie attackieren sich auf heftigste, versuchen sich, gegenseitig zu verwunden, auszuhebeln, zu überlisten, gar zu foltern. Längst geht es in dem Mikrokosmos zweier Mütter nicht mehr darum, den Frieden zu wahren. Es geht um die existentielle Frage von Macht, Respekt und Daseinsberechtigung. Die Autorin Das Gupta stellt in ihrem Stück „Michels Stein“ absichtlich gängige Klischees zwischen Deutschen und Türken aus, bricht sie durch temporeiche Dialoge, scharfen Sarkasmus und bitteren Humor. Sie wirft dabei die essentielle Frage auf, ob wir es uns in unserer Einwanderungsgesellschaft in einem Zustand andauernder politischer Korrektheit bequem gemacht haben - oder ob wir bereit sind, miteinander in einen - anhaltenden - konstruktiven Dialog zu treten und diesen als einen natürlichen, notwendigen Bestandteil unserer Gesellschaft zu verinnerlichen.

Samuel Langer, ISOLA DI LAMPEDUSA
Zwei parallele Monologe: Ein illegaler Schwarzafrikaner, der über Lampedusa in einen europäischen Hochhauskeller gespült wurde. Einige Stockwerke über ihm eine Polizistin, die nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Der Autor stellt sich dem Thema, in dem er sich seiner Ohnmacht stellt; die beiden reden nur über-, aber nicht miteinander.

Laudatio: Kai Festersen
Isola de Lampedusa ist schon mal ein so genialer Titel, dass ich mich gewundert habe, dass er noch frei war. Samuel Langer, der Autor des Stückes mit diesem Titel, hat aber noch einen zweiten Einfall, für diesen gebührt ihm der Preis: er bekennt sich dazu, das wir Mitteleuropäer mit den fremden Kulturen nicht umgehen lernen, dass vor allem die Alltage einander fremd bleiben, das wir zwar viel übereinander reden - wie auch heute abend hier - aber nicht miteinander. Und mit diesem Schachzug bewältigt er die Aufgabe der Ausschreibung, indem er das Nichtverstehen, die nicht stattfindende Kommunikation ästhetisch aufhebt, und das hebt wiederum ihn deutlich ab vom Hauptfeld dieses Wettbewerbes. Die Grundkonstellation ist denkbar einfach: im Keller eines Hochhauses wohnt ein Flüchtling, hoch über ihm wohnt eine Frau, die von ihm weiss. Zwei Monologe, parallel, sich überlagernd, ergänzend, ich widersprechend und bestätigend zugleich. Sie ist noch dazu eine Polizistin, also beruflich verpflichtet, Unregelmässigkeiten wie illegales Wohnen zu ahnden.... Der Einbruch dessen, was als Unrecht gilt, aber vielleicht doch gerecht ist, in die Privatheit. Und schon hat man Verantwortung. Für sie ist sein Fluchtweg Teil ihrer Urlaubsroute, die Bilder sind malerisch, die Zeitungsberichte gingen sie nichts an. Fremdheit an den gleichen Orten, sich in Ort und Zeit überschneidende Schicksale, die trotzdem parallel, ohne Begegnung verlaufen. Sie sorgt sich um ihn. Oder vielleicht doch nur um ihr eigenes fehlendes handelndes Eingreifen, zu dem sie nicht in der Lage ist. Im Zwischenraum von Schwarz und Weiss. Er hingegen berichtet - seltsam distanziert - von seiner Fluchtroute, wie ein Intellektueller. Frei von Selbstmitleid, frei von Anklage. Beim Zuschauer wird nicht um preiswerte Solidarität gebettelt. Nur gegen Ende, als er beschreibt, wie wenig er wahrgenommen wird, wie unsichtbar er blieb für die wenigen Europäer, denen er begegnet ist, schwingt Verletztsein mit. Und - hier binden sich beide Monologe inhaltlich zusammen - wir ahnen, dass die Ohnmacht, die Unsicherheit der Polizistin der Grund für sein Unsichtbarbleiben ist: wir sehen einander nicht.Dankbares Futter für zwei Schauspieler, die vermutlich ihre Monologe in Konkurrenz zueinander halten müssten: beide kämpfen um die Aufmerksamkeit des Publikums. Als ob diese - und das ist ja auch das Thema des Abends - nur für eine der beiden Figuren reicht. Des Autors Rösselsprung, das Nichtverstehen, das zwar vorhandene, aber nicht ausagierte Interesse formal aufzuheben im Nebeneinander der beiden Monologe ist eine dem Thema bravourös begegnende, wunderbare, originelle Lösung. Zwei oszillierende Röhren, deren Wellen sich zwar durchdringen, beeinflussen, die aber zu keiner gemeinsamen Schwingung finden. Geben Sie Langer den Pokal dieses Abends. Er hat die Problematik nicht bewältigt, er bietet keine Lösung, aber: Er stellt sich seiner Ohnmacht. Unserer Ohnmacht.

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JURY
Fatima Abdollahyan – Filmemacherin (u.a. "Kick in Iran", "Freedom Bus")
Dr. Maha El Hissy - Wissenschaftl. Mitarbeiterin am Institut für dt. Philologie der Uni München
Oliver Brunner – Dramaturg, Produktionsleiter Theater Augsburg
Kai Festersen – Künstlerisch-pädagogischer Betriebsleiter der Akademie für Darstellende Kunst, Baden-Württemberg
Oliver Kontny - freischaffender Theater- und Hörspielmacher

ADRESSE
Sensemble Theater Augsburg
Kulturfabrik, Bergmühlstraße 34, 86153 Augsburg
Tel. 0821 – 34 94 666, Fax. 0821 – 34 94 668
E-Mail: info@sensemble.de, www.sensemble.de
Theaterleitung: Dr. Sebastian Seidel